Kaninchen impfen — RHD, Myxomatose, Schnupfen
Impfungen sind die wenigen Tierarztbesuche, die du nicht weglassen kannst — auch wenn dein Tier nie nach draußen kommt. Drei Krankheiten — RHD-1, RHD-2 und Myxomatose — verlaufen bei ungeimpften Kaninchen so dramatisch, dass eine Behandlung in den meisten Fällen zu spät kommt. Die Stechmücke, die im Sommer durchs gekippte Fenster kommt, oder das Heu, das du letzte Woche gekauft hast, können dem Innenkaninchen das Virus liefern. Was zu impfen ist, mit welchen Stoffen, wann und wie oft — und welche Impfung umstritten bleibt — klärt dieser Artikel auf Basis der aktuellen StIKo-Vet-Empfehlungen.
Die Impfempfehlungen für Kaninchen ändern sich häufig — neue Virusvarianten, neue Impfstoffe, neue StIKo-Vet-Leitlinien. Dieser Artikel orientiert sich am aktuellen Stand 2025/2026, den die StIKo Vet (Ständige Impfkommission Veterinärmedizin am Friedrich-Loeffler-Institut) festgelegt hat. Wer sich auf älteres Wissen aus Halter-Foren oder Tierarzt-Praxen mit veraltetem Standard verlässt, riskiert einen Impfschutz, der bei den heute zirkulierenden Virusvarianten nicht mehr ausreicht.
Was im Folgenden steht, ersetzt nicht das Gespräch mit dem Tierarzt — der bestimmt im Einzelfall, welcher Impfstoff für dein Tier passt, ob Vorerkrankungen Anpassungen erfordern und wann der nächste Termin ansteht. Aber es gibt dir den Hintergrund, das Tierarztgespräch informiert zu führen und nicht jeder Empfehlung blind zu folgen.
Warum impfen — auch bei Innenhaltung
Die häufigste Halter-Frage zur Impfung ist gleichzeitig die häufigste Halter-Falle: „Mein Kaninchen lebt nur drinnen, braucht es überhaupt eine Impfung?" Die Antwort ist eindeutig: ja. Der Glaube, dass nur Tiere mit Außenkontakt gefährdet sind, beruht auf einem veralteten Verständnis der Übertragungswege.
Wie das Virus zum Innenkaninchen kommt
Sowohl RHD-Viren als auch das Myxomatose-Virus haben mehrere Übertragungswege, die alle nichts mit direktem Kaninchen-Kontakt zu tun haben müssen. Stechmücken sind der wichtigste Vektor — sie tragen die Viren von infizierten Wildkaninchen zum Hauskaninchen, durch ein gekipptes Fenster, eine offene Terassentür, durch das Lüften am Sommerabend. Stechinsekten und Parasiten wie Kaninchenflöhe, Milben, Zecken und Läuse können ebenfalls Überträger sein. Kontaminiertes Futter — Heu, Wiesengrün, frisches Gemüse vom Feld — kann Viruspartikel tragen, vor allem wenn es aus Regionen mit Wildkaninchenvorkommen stammt. Schuhsohlen und Hände der Halter — wer auf einer Wiese mit Wildkaninchenbestand spaziert ist und anschließend nach Hause kommt, kann den Erreger ungewollt mitbringen.
Die Caliciviren, die RHD verursachen, sind außerdem in der Umwelt extrem widerstandsfähig — sie überleben monatelang auf Oberflächen, sind temperaturstabil und durch normale Reinigung nicht zuverlässig zu beseitigen. Wer ein zuvor infiziertes Tier verloren hat, kann das Virus über Monate in der Wohnung haben — auch ohne sichtbare Spuren.
Die StIKo Vet stuft alle drei Core-Impfungen — RHDV-1, RHDV-2 und Myxomatose — als für jedes Kaninchen empfehlenswert ein, ohne Unterscheidung zwischen Wohnungs- und Außenhaltung. Die Begründung ist die Vielzahl indirekter Übertragungswege: Mücken, Insekten, Parasiten, kontaminiertes Futter, Schuhsohlen, Hände, kontaminierte Oberflächen. Reine Innenhaltung ist eine Einschränkung, kein Schutz. Das einzige, was zuverlässig schützt, ist eine vollständige Impfung gegen alle drei Erreger.
Warum Behandlung nicht ausreicht
Anders als bei vielen Krankheiten kann man RHD bei einem erkrankten Tier praktisch nicht behandeln. Die Inkubationszeit beträgt nur ein bis drei Tage, der Krankheitsverlauf bei RHD-1 endet bei etwa 80 Prozent der Tiere innerhalb weniger Tage tödlich, bei RHD-2 bei 80 bis 100 Prozent. Viele Halter berichten, dass sie ihr Tier am Vorabend noch fröhlich erlebt haben und am nächsten Morgen tot vorfanden — RHD verläuft so rasend schnell, dass selbst eine sofortige Tierarztvorstellung meist zu spät kommt.
Bei Myxomatose ist der Verlauf etwas langsamer — Tod nach 8 bis 14 Tagen — aber die Therapie ist trotzdem extrem schwer. Lange stationäre Aufenthalte, Infusionen, Zwangsernährung, Schmerzmittel — und am Ende oft kein Erfolg. Tiere, die überleben, sind Virusträger und können andere Kaninchen anstecken. Geimpfte Tiere, die sich trotzdem infizieren, durchleben einen deutlich milderen Verlauf und überleben meist.
RHD-1 und RHD-2 — Hämorrhagische Krankheit
RHD steht für Rabbit Haemorrhagic Disease, im deutschen Sprachraum auch „Chinaseuche" genannt — der Name geht auf den ersten Nachweis 1984 in China zurück. Inzwischen ist das Virus weltweit verbreitet und tritt in zwei wichtigen Varianten auf, die sich klinisch und epidemiologisch unterscheiden.
RHDV-1 — die klassische Variante
Die ursprüngliche Form der Erkrankung. Der Erreger ist ein Calicivirus, das in der Umwelt extrem stabil ist und durch normale Desinfektionsmittel kaum zu inaktivieren ist. Übertragung erfolgt über alle Sekrete und Exkrete eines erkrankten Tieres — Speichel, Urin, Kot, Atemluft. Indirekt auch über Insekten, Futter, Schuhsohlen und Hände. Eine Besonderheit: Bei der klassischen Variante haben Jungtiere unter drei Monaten eine natürliche Resistenz (sogenannte Nestlingsimmunität) — sie erkranken nicht oder nur mild.
RHDV-2 — die neue Variante seit 2013
Eine genetisch eigenständige Variante des Virus, die seit 2013 in Deutschland zirkuliert und inzwischen die klassische Variante in vielen Regionen verdrängt hat. RHDV-2 ist klinisch sogar gefährlicher als RHDV-1: Es gibt keine Nestlingsimmunität — auch Tiere unter zwei Wochen erkranken und versterben. Die Sterblichkeit liegt bei 80 bis 100 Prozent innerhalb von ein bis vier Tagen nach Infektion. Wer einen Impfstoff verwendet, der nur gegen RHDV-1 schützt (zum Beispiel ältere Cunivak-Präparate oder isolierte RIKA-VACC RHD), hat trotz „Impfung" keinen wirksamen Schutz gegen die heute dominierende Variante.
Klinisches Bild
RHD verläuft typischerweise nicht mit klar erkennbaren Vorwarnzeichen. Die meisten betroffenen Halter berichten den gleichen Verlauf: Das Tier wirkt am Vorabend normal, am nächsten Morgen ist es tot oder schwer krank. Wenn Symptome sichtbar werden, sind sie dramatisch — erschwerte und schnelle Atmung, Apathie, Fieber, Einblutungen in Schleimhäuten, Augen oder als blutiger Durchfall, im Endstadium Erstickungstod mit überstrecktem Kopf und Schreien. Eine Behandlung ist zu diesem Zeitpunkt fast nie noch erfolgreich.
RHD-2 hat in den letzten Jahren in vielen deutschen Regionen die klassische Variante verdrängt. Der Standard-Impfstoff von vor zehn Jahren — etwa RIKA-VACC RHD, der nur gegen RHDV-1 schützt — bietet bei einer RHD-2-Infektion keinen ausreichenden Schutz. Auch Cunivak-Präparate gegen RHDV-1 schützen bestenfalls über eine unzuverlässige Kreuzimmunität gegen RHDV-2. Wer sicher gehen will, lässt mit einem Impfstoff impfen, der explizit beide RHDV-Varianten abdeckt — Filavac VHD K C+V (bivalent), Eravac (RHDV-2 mono) oder Nobivac Myxo-RHD Plus (trivalent inkl. Myxomatose). Frage gezielt nach, welcher Impfstoff verwendet wird.
Myxomatose
Die Myxomatose — umgangssprachlich auch „Kaninchenseuche" — wird durch das Myxomavirus aus der Familie der Pockenviren verursacht. Es kam ursprünglich aus Südamerika, wurde 1952 in Frankreich gezielt ausgesetzt, um Wildkaninchenbestände zu reduzieren, und hat sich seither über ganz Europa ausgebreitet. Heute sind in Deutschland regelmäßig Wellen von Myxomatose-Ausbrüchen vor allem in Regionen mit größeren Wildkaninchenbeständen zu beobachten.
Übertragung
Myxomatose wird vor allem durch blutsaugende Insekten übertragen — Stechmücken, Kaninchenflöhe, Milben, Zecken, Läuse. Direkter Kontakt zwischen infizierten Tieren spielt eine Rolle, ist aber weniger entscheidend als der Insektenvektor. Auch Grünfutter aus belasteten Regionen kann Erreger übertragen. Die Übertragungswege erklären, warum Myxomatose typischerweise im Sommer und Frühherbst ihre Wellenberge hat — wenn Insekten besonders aktiv sind.
Klinisches Bild
Myxomatose verläuft langsamer als RHD, dafür auffälliger. Typische Symptome sind Schwellungen an den Augenlidern, Mund- und Genitalbereich, später entstehen pockenartige Knoten und Pusteln auf der Haut. Die Atemwege schwellen zu, Schluck- und Atembeschwerden setzen ein, das Tier magert schnell ab. Der Tod tritt nach 8 bis 14 Tagen ein — meist durch Atemnot, Sekundärinfektionen oder Verhungern, weil das Tier nicht mehr fressen kann.
Geimpfte Tiere
Anders als bei RHD bietet die Myxomatose-Impfung keinen vollständigen Schutz vor Infektion — etwa 70 bis 90 Prozent der geimpften Tiere bleiben symptomfrei. Geimpfte Tiere, die sich trotzdem infizieren, durchleben aber einen deutlich milderen Verlauf — kleinere Schwellungen, weniger Pusteln, weniger Schmerzen, höhere Überlebenschance. Eine begleitende symptomatische Therapie ist sinnvoll, aber im Gegensatz zu ungeimpften Tieren oft erfolgreich.
Verfügbare Impfstoffe
In Deutschland sind 2025/2026 mehrere Impfstoffe verfügbar, die sich in Erregerabdeckung, Wirkdauer und Anwendungsbesonderheiten unterscheiden. Die Wahl des richtigen Impfstoffs ist eine der wichtigen Tierarzt-Entscheidungen — nicht jeder Tierarzt verwendet den optimalen.
| Impfstoff | Schützt gegen | Wirkdauer | Hinweise |
|---|---|---|---|
| Nobivac Myxo-RHD Plus | Myxo + RHDV-1 + RHDV-2 (trivalent) | 12 Monate | Komfortabelste Lösung — eine Impfung jährlich für alle drei Erreger. Aber: bei Tieren mit alten Myxo-Antikörpern reduzierte RHD-Wirkung möglich |
| Filavac VHD K C+V | RHDV-1 + RHDV-2 (bivalent) | 12 Monate (laut Zulassung); bei aktuelle Seuchenlage 6 Monate empfohlen | Zuverlässiger reiner RHD-Schutz, kein Myxomatose-Schutz — muss durch separaten Impfstoff ergänzt werden |
| Eravac | RHDV-2 (mono) | 12 Monate | Reiner RHDV-2-Schutz, oft als Ergänzung zu RHDV-1- und Myxo-Impfung verwendet |
| RIKA-VACC Duo | RHDV-1 + Myxomatose | 6 Monate | Älterer Impfstoff — kein RHDV-2-Schutz, daher heute nur in Kombination mit Eravac sinnvoll |
| YURVAC RHD | RHDV-1 + RHDV-2 + neue Stämme | 12 Monate | Umfassender RHD-Schutz inkl. mutierter Stämme aus Nachbarländern, kein Myxo-Schutz |
Welcher Impfstoff für welches Tier
Für die meisten Halter mit gesunden Kaninchen ist Nobivac Myxo-RHD Plus die pragmatische Wahl: Eine Impfung jährlich, alle drei Core-Erreger abgedeckt, einfaches Schema. In Regionen mit hoher Seuchenlast oder bei Beständen mit besonderem Risiko empfehlen viele Tierärzte die Kombination Filavac (RHD halbjährlich) plus separate Myxomatose-Impfung — was zwar mehr Termine bedeutet, aber engmaschigeren Schutz bietet, vor allem gegen die immer wieder mutierenden RHDV-Varianten.
Umstellung von älteren Impfstoffen
Eine wichtige Praxisbesonderheit: Wenn ein Tier zuvor mit einem reinen Myxomatose-Impfstoff oder mit Cunivak-Präparaten geimpft wurde, kann der Wechsel auf Nobivac Myxo-RHD Plus problematisch sein. Vorhandene Myxomatose-Antikörper können die rekombinante RHD-Komponente des neuen Impfstoffs neutralisieren — die Folge ist ein unzureichender RHD-Schutz trotz Impfung. Bei solchen Tieren empfiehlt sich vor der Umstellung eine Vorimpfung mit Filavac, um den RHD-Schutz sauber aufzubauen, bevor auf Nobivac Plus gewechselt wird. Frage deinen Tierarzt explizit, ob diese Konstellation bei deinem Tier zutrifft.
Impfschema — Erstimpfung und Auffrischung
Das Impfschema unterscheidet sich nach Alter des Tieres, Vorimpfungen und gewähltem Impfstoff. Der ideale Impfzeitpunkt ist außerdem nicht beliebig.
Grundimmunisierung bei Jungtieren
Die Grundimmunisierung kann je nach Impfstoff bereits ab der vierten Lebenswoche beginnen. Bei den meisten modernen Impfstoffen ist eine Erstimpfung ab fünf Lebenswochen vorgesehen. Eine Besonderheit gilt bei Junglingen aus geimpften Müttern: Maternale Antikörper aus der Milch können die Wirksamkeit des Impfstoffs reduzieren — in solchen Fällen empfehlen Hersteller die Erstimpfung erst ab der siebten Lebenswoche, um eine vollständige Immunität sicherzustellen. Bei Nobivac Myxo-RHD Plus reicht eine einmalige Erstimpfung; bei manchen anderen Impfstoffen (etwa RIKA-VACC) ist eine zweite Impfung im Abstand von vier bis sechs Wochen für die Grundimmunisierung erforderlich.
Auffrischung — Intervalle
Bei den modernen trivalenten Impfstoffen reicht eine jährliche Auffrischung. Bei isolierten Filavac-Impfungen empfehlen viele kaninchenkundige Tierärzte aufgrund der aktuellen Seuchenlage eine halbjährliche Auffrischung — die Zulassung gilt zwar für 12 Monate, aber die zirkulierenden Virusstämme sind so aggressiv, dass kürzere Intervalle sicherer sind. In Risikoregionen — Gebieten mit dokumentierten RHD- oder Myxomatose-Ausbrüchen — sind ebenfalls kürzere Intervalle sinnvoll.
Idealer Impfzeitpunkt
Die Impfung erfolgt bevorzugt im Februar bis April — vor Beginn der Insektensaison und vor dem Höhepunkt der RHD- und Myxomatose-Wellen, die typischerweise im Sommer und frühen Herbst auftreten. Wer im Februar impft, hat zur Mückensaison im Mai oder Juni vollen Schutz. Wer erst im August nach einem Ausbruch in der Region impft, läuft Gefahr, dass die Antikörperbildung zu spät kommt — die Immunität entwickelt sich ja erst über zwei bis drei Wochen nach der Impfung.
Trächtige und säugende Häsinnen
Die meisten Impfstoffe sind grundsätzlich auch bei trächtigen und säugenden Häsinnen zugelassen, aber Hersteller empfehlen die Anwendung nur nach Nutzen-Risiko-Bewertung durch den Tierarzt. Pragmatischer Rat: Wenn möglich, impfe vor der Trächtigkeit — das gibt der Mutter und den Jungen den besten Schutz, ohne Risiko.
Schnupfen-Impfung — die umstrittene Frage
Neben den drei Core-Impfungen gibt es einen weiteren Impfstoff, der gegen Kaninchenschnupfen schützen soll. Anders als bei RHD und Myxomatose ist diese Impfung in der kaninchenkundigen Praxis stark umstritten — und das aus guten Gründen.
Was die Schnupfen-Impfung leistet
Der häufigste Impfstoff ist Cunivak Past, der eine aktive Immunisierung gegen die zwei häufigsten Schnupfen-Erreger Pasteurella multocida und Bordetella bronchiseptica bietet. Die Wirkdauer beträgt etwa sechs Monate, eine Grundimmunisierung mit zwei Impfungen im Abstand von zwei bis vier Wochen ist erforderlich. Bei einer wirksamen Impfung baut das Tier Antikörper gegen diese beiden Bakterienarten auf.
Warum die Impfung umstritten ist
Drei Gründe sprechen gegen die routinemäßige Schnupfen-Impfung. Erstens: Kaninchenschnupfen ist eine multifaktorielle Erkrankung. Es sind nicht zwei, sondern bis zu zehn verschiedene Erreger an typischen Schnupfenbildern beteiligt — Streptokokken, Pseudomonas, Bordetellen, Mykoplasmen und andere. Eine Impfung gegen nur zwei Erreger lässt die meisten potenziellen Verursacher außen vor. Zweitens: Die Erkrankungsauslöser sind vorwiegend nicht der Erreger selbst, sondern Stress, Haltungsfehler, Zugluft, schlechte Luftqualität, andere Vorerkrankungen. Eine Impfung kann diese Ursachen nicht beheben. Drittens: Die Nebenwirkungen der Schnupfen-Impfung sind im Vergleich zu RHD/Myxomatose-Impfungen relativ häufig — lokale Schwellungen bis zu drei Wochen, Fieber durch Endotoxin-Wirkung der Bakterien, in seltenen Fällen Schockreaktionen.
Wann die Schnupfen-Impfung sinnvoll sein kann
Trotz der Vorbehalte gibt es Situationen, in denen die Schnupfen-Impfung erwogen werden kann: in großen Beständen mit dokumentierten Pasteurellen-Ausbrüchen (klassische Zuchtanlagen oder Tierheime), bei chronisch schnupfenerkrankten Tieren als ergänzende Maßnahme — wobei hier umstrittten ist, ob sie überhaupt anschlägt und ob sie nicht das Krankheitsbild verschlechtern kann. Die Entscheidung gehört explizit ins Einzeltier-Gespräch mit einem kaninchenkundigen Tierarzt. Bei klassischer Hauskaninchen-Haltung mit zwei oder drei Tieren in der Wohnung ist die Impfung in der Regel nicht zu empfehlen — der Aufwand und das Nebenwirkungsrisiko überwiegen den fraglichen Nutzen. Wer trotzdem impfen lassen möchte, sollte das auf Basis konkreter Risikoabwägung tun, nicht aus pauschaler Vorsicht.
Nebenwirkungen und Komplikationen
Wie bei jeder Impfung gibt es Reaktionen, die unterschiedlich häufig und unterschiedlich schwerwiegend sind. Eine ehrliche Einordnung gehört zur Halter-Aufklärung.
Normale Impfreaktionen
Folgende Reaktionen sind häufig und harmlos: lokale Schwellung an der Impfstelle — meist klein, manchmal bis zu zwei Zentimeter Durchmesser, klingt innerhalb von zwei bis drei Wochen von selbst ab. Vorübergehender Temperaturanstieg für ein bis drei Tage nach der Impfung. Leichte Müdigkeit und reduzierter Appetit für 24 bis 48 Stunden. Diese Reaktionen sind Zeichen einer aktiven Immunantwort — also der gewollten Wirkung der Impfung. Ein Kontakt zur Tierarztpraxis ist dann sinnvoll, wenn die Schwellung nach drei Wochen nicht verschwindet, das Tier länger als 48 Stunden auffällig schwach ist oder hohe Fieberzeichen entwickelt.
Spezifisch für Nobivac Myxo-RHD Plus
Bei diesem rekombinanten Impfstoff können nach Infektion mit virulentem Myxomatose-Virus oder bei Tieren mit latenter Myxomatose-Infektion milde myxomatose-ähnliche Symptome innerhalb von drei Wochen nach der Impfung auftreten — kleine Schwellungen, schorfbildende Krusten an unbehaarten Körperstellen. Diese verschwinden meist binnen zwei Wochen von selbst und beeinträchtigen das Tier nicht. Für Halter ist das wichtig zu wissen, weil diese „Impfmyxomatose" sonst panikauslösend wirken kann.
Seltene Komplikationen
Schwere allergische Reaktionen — Schwellungen am Kopf, starker Juckreiz, Atemnot bis hin zum anaphylaktischen Schock — sind sehr selten. Deutschlandweit werden etwa 15 bis 20 Fälle pro Jahr gemeldet, gemessen an mehreren Hunderttausend Impfungen ein extrem niedriger Anteil. Bei einer solchen Reaktion zählt jede Minute — sofortige tierärztliche Versorgung kann mit Antihistaminika und Glukokortikoiden die Reaktion stoppen. Aus diesem Grund empfehlen viele Praxen, das Tier nach der Impfung 15 bis 30 Minuten in der Praxis zu beobachten, statt sofort nach Hause zu fahren.
Diskussion um Adjuvanzien
Manche Halter sorgen sich wegen der Aluminium-Adjuvanzien, die in vielen Impfstoffen als Wirkungsverstärker enthalten sind. Diese Sorge ist nicht völlig unbegründet — Aluminiumverbindungen können in seltenen Fällen Impfgranulome oder, noch seltener, Impfsarkome ausgelöst haben (das Phänomen ist vor allem bei Katzen besser dokumentiert). Bei Kaninchen sind solche Fälle extrem selten dokumentiert. Die Risiko-Nutzen-Abwägung fällt klar zugunsten der Impfung aus: das statistische Risiko einer schweren Impfkomplikation ist um Größenordnungen kleiner als das Risiko, an einer ungeimpften RHD- oder Myxomatose-Infektion zu sterben.
Wann auf keinen Fall geimpft werden darf
Eine wichtige Regel: Nur klinisch gesunde Tiere impfen. Tiere mit akuten Infektionen, Fieber, Apathie, frischer Operationswunde oder anderen erkennbaren Krankheitszeichen sollen nicht geimpft werden — die Immunantwort kann unzureichend sein, gleichzeitig kann die Impfung den ohnehin geschwächten Organismus zusätzlich belasten. Auch trächtige Tiere im letzten Drittel der Trächtigkeit, sehr junge Tiere unter 28 Tagen und stark gestresste Tiere (etwa direkt nach Umzug oder Vergesellschaftung) sollten den Impftermin auf einen ruhigeren Zeitpunkt verschieben.
Was eine Impfung kostet
Die Kosten für eine vollständige Kaninchen-Impfung pro Jahr und Tier liegen typischerweise bei 50 bis 80 Euro, je nach gewähltem Impfstoff, Praxis und ob neben der reinen Impfung eine Allgemeinuntersuchung mitberechnet wird. Bei Verwendung des trivalenten Nobivac Myxo-RHD Plus genügt eine Behandlung pro Jahr — kosteneffizient und stressarm für das Tier. Bei kombinierter Filavac/Eravac/Myxo-Impfung sind zwei bis drei Termine jährlich nötig, die Gesamtkosten liegen entsprechend höher. Für die meisten Halter ist die Impfung damit deutlich günstiger als die Behandlungskosten einer einzigen schweren Erkrankung — von der Lebensqualität des Tieres ganz abgesehen.
Zusammenfassung — die Kurzversion
Wenn du am Ende dieses Artikels nur fünf Sätze mitnimmst, sollten es diese sein:
- RHD-1, RHD-2 und Myxomatose sind Core-Impfungen für jedes Kaninchen — auch reine Wohnungstiere. Stechmücken, Insekten, kontaminiertes Futter und Schuhsohlen bringen die Erreger nach drinnen. Die StIKo Vet empfiehlt alle drei Impfungen ohne Einschränkung.
- Veraltete Impfstoffe sind keine Impfung — RHD-2 hat seit 2013 die klassische Variante in vielen Regionen verdrängt. Wer mit einem reinen RHDV-1-Impfstoff (Cunivak, RIKA-VACC RHD ohne Zusatz) impfen lässt, hat trotz „Impfung" keinen ausreichenden Schutz. Frage gezielt nach dem Impfstoffnamen.
- Nobivac Myxo-RHD Plus ist die pragmatische Standardwahl — eine Impfung jährlich für alle drei Core-Erreger, einfaches Schema, gute Datenlage. Filavac plus separate Myxo-Impfung ist die Alternative für Risikoregionen mit halbjährlichen Intervallen.
- Idealer Impfzeitpunkt ist Februar bis April — vor Insektensaison und Seuchenwellen. Grundimmunisierung ab der fünften Lebenswoche, jährliche Auffrischung Standard, halbjährlich bei Filavac und in Risikoregionen.
- Schnupfen-Impfung ist keine Routineempfehlung — sie deckt nur zwei von vielen Erregern ab und Schnupfen ist multifaktoriell. Nur in spezifischen Risikokonstellationen oder bei chronisch erkrankten Tieren erwägen, immer im Einzeltier-Gespräch mit kaninchenkundigem Tierarzt.
Impfungen sind die wirksamste Vorsorgemaßnahme, die du für dein Kaninchen treffen kannst — gemessen an den Kosten und am Aufwand sind die Auswirkungen auf Gesundheit und Lebenserwartung dramatisch. Wer informiert impft — den richtigen Stoff zum richtigen Zeitpunkt — schützt zuverlässig vor Krankheiten, die ungeimpft kaum behandelbar sind.